Volksstimme vom 02.März 2016

Persönliche Leidenschaft geht auf die Zuhörer über. Jütting-Konzert mit Fabian Lindner / Bratschist gibt musikalische Einblicke in Schostakowitschs Zerrissenheit und Schicksal.

Von Aud Merkel
Stendal • Jütting-Stipendiat Fabian Lindner, der seit 2012 an der Hochschule für Musik in Weimar studiert, spielte auf seiner Viola ein beeindruckendes Konzert in der gut besuchten Stendaler Katharinenkirche.

Jütting-Stipendiat Fabian Lindner, der seit 2012 an der Hochschule für Musik in Weimar studiert, spielte auf seiner Viola ein beeindruckendes Konzert in der gut besuchten Stendaler Katharinenkirche.

Bild: Bratschist Fabian Lindner und Pianistin Lydia Gorstein.
Foto: Aud Merkel


Erst vor circa vier Jahren, nach einer Geigenausbildung am Rostocker Konservatorium und am Berliner Musikgymnasium “Carl Phillip Emanuel Bach”, wechselte Fabian Lindner zur Bratsche. Seitdem wird er von Prof. Ditte Leser und diversen Stipendien gefördert. In Stendal überzeugte Fabian Lindner mit einem durchdacht gespielten Programm. Die eher zurückhaltend dargebotene Gambensonate g-Moll von Bach lies noch nicht erahnen, welch eine Leidenschaft mit der nachfolgenden Sonate für Viola und Klavier von Dmitri Schostakowitsch auf den Zuhörern überging. Fabian Lindner erklärte in einer Werkeinführung an Hand von verbalisierten Assoziationen und angespielten Motivbeispielen seine persönliche Lesart der letzten Komposition des großen russischen Meisters und lieferte damit eine wunderbare Hörbrücke zu der dann folgenden eindrücklichen Interpretation. Schostakowitschs Zerrissenheit, sein Leidensdruck und seine Todesangst unter stalinistischer Repression hörte man zuvor schon in anderen Werken. Linder eröffnete und erspielte hier aber darüber hinaus einen fast Bachschen Erlösungsgedanken in diesem quasi musikalischen Erbe Schostakowitschs. Mit mal großem klagendem, mal rauem, mal zartem Ton, mit ängstlichem pizzicato oder hingehauchter Verzweiflung zeichnet Linder das erst nach der Wende in seinem grausamen Ausmaß bekannt gewordene Schicksal des sowjetischen Staatskomponisten.
Nach der Pause spielte der junge Bratschist eine Sonate von Henry Vieuxtemps, fast auswendig und mit herrlicher Selbstverständlichkeit in der Ausdruckskraft, ein wohlklingend und charmant vorgetragenes Salonstück bester Unterhaltung.
Die Pianistin und Jütting-Preisträgerin von 2003 Lydia Gorstein, Lehrkraft an der UdK Berlin und an der Musikhochschule in Weimar, begleitete mit wunderbar beseeltem Ton. Behutsam trat sie hinter den klanglichen Vorstellungen des Solisten zurück und hervor, wenn es musikalisch Sinn machte.
Das kongeniale Duo wünschte einen beschwingten Heimweg mit der Zugabe “Le grand tango” von Astor Piazolla, in der Fabian Lindner zeigte, wie sehr er schon “zu Hause” ist auf seiner Bratsche.



 
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