Volksstimme vom 02. Oktober 2018

Klavierduo begeisterte in der Katharinenkirche

Von Aud Merkel Stendal • Gut, dass es die Jütting-Stiftung in Stendal gibt. Für ein niveauvolles Kammerkonzert muss man nicht unbedingt in die Landes- oder Bundeshauptstadt fahren. Am Sonntag spielten Sophie und Vincent Neeb im Musikforum Katharinenkirche ein beeindruckendes Konzert.
Das junge Geschwisterpaar begann mit der Mozart-Sonate KV 448 für zwei Klaviere. Zupackend und voller Verve kletterten sie virtuos die Perlenketten des ersten Satzes hinauf. Ihr jugendlicher und natürlicher Schwung ließ damit den „Schalk Mozart“ auferstehen. Im Andante arbeiteten sie die Nachdenklichkeit von tiefer Besinnung über Melancholie hin zu aufbrausender Dramatik klar und unverschnörkelt heraus. Die schönen lyrischen Themen des letzten Satzes legten sie deutlich und agogisch souverän frei, um sie abschließend in ein klangvolles Finale zu führen.
Es folgte ein spannendes Klavierstück für zwei Spieler von Wolfgang Rihm aus dem Jahre 1971. Sophie und Vincent Neeb spielten das effektvolle Stück voller szenischer Spielanweisungen mit Hingabe und Intensität. Das Publikum ließ sich darauf ein und verfolgte die ungewohnten Handlungen mit Handtuch, Schlagwerk-Schlägeln, Seiten-Fingerspiel, Ellenbogen, Stöhnen und Husten.
Die vierhändige Schubert-Fantasie mit dem Haupt-Motiv der Barbarina-Kavatine „Unglücksel’ge kleine Nadel“ aus Mozarts Figaro begannen die beiden ganz schlicht und zurückgenommen. Umso effektvoller erschien der die zarte Unschuld störende, hereinbrechende Sturm düsterer Gedanken. Nur schwer windet sich das Barbarina-Thema unter diesen Eintrübungen. Vor der großen Fuge taucht es noch einmal voller Traurigkeit auf.
Bei der Fuge arbeiteten die Geschwister klar nachvollziehbar die quasi barocke Polyphonie aus der sinfonischen Verdichtung heraus. Erst nach der Fuge kommt Entspannung in Barbarinas Motiv und das Ende klingt dann wie ein erlösender Tod. Sophia und Vincent Neeb interpretierten den Schubert mit technischer Präzision und inniger Leidenschaft ganz im Sinne ihrer Aussagen.
Mit einer im besten Sinne unterhaltsam vorgetragenen Rachmaninow-Suite zeigten Sophie und Vincent Neeb noch einmal all ihre Stärken, Mut zu kontrastreicher Darstellung mit zupackendem Spiel, das Verstärken von Emotionen in alle Richtungen und eine verschmelzende Einigkeit mit enormer virtuoser und interpretatorischen Reife.
Sophie und Vincent Neeb moderierten ihr klug zusammen gestelltes Programm informativ und bedankten sich bei der Jütting-Stiftung für das Stipendium. Als Zugabe spielten sie den Ungarischen Tanz Nr. 2 von Brahms.



 
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